Die Top 3 der Pannen beim Livestreaming (Teil 3)

Die meisten Fehler im Rahmen eines Livestreams lassen sich mit guter Planung im Voraus verhindern. Wir haben schon viele Adrenalinmomente erlebt und präsentieren deshalb auf livecrew.ch die Top 3 der Pannen beim Livestreaming.


Im ersten Teil dieser Blog-Serie thematisierte ich Fehler rund um Computer-Hardware und Software. Sie können Teil 1 hier lesen. Im Teil 2 der Mini-Blog-Serie ging es um Pannen, die entstehen, wenn über Wifi oder ungeeignete Netzwerke gestreamt wird. Nun kommen wir zu den ärgerlichsten aller Fehler beim Livestreaming: Audio.


Die einfachste Methode, um bei einem Livestream so richtig viele Zuschauer zu verlieren, ist wenn Du schlechten Ton hast.

Diese Livestreaming-Weisheit unbekannter Herkunft hat es in sich. Und sie geht Hand in Hand mit der noch älteren Video-Weisheit, wonach der Ton mindestens 50% eines guten Films ausmacht. Videoproduzenten haben oft die Tendenz (und da schliesse ich mich mit ein), dem visuellen Teil eines audiovisuellen Produktes viel mehr Gewicht zu geben. Wir polieren das Bild auf Hochglanz, unterhalten uns über die Unterschiede von 4K 10bit 422 zu 4K RAW, können stundenlang an Vorder- und Hintergründen basteln und den Lichteinfall feintunen – und ganz am Schluss, kurz bevor der REC-Knopf gedrückt wird, kommt uns in Sinn, dass wir vielleicht auch noch prüfen sollten, ob es auch Ton hat. Doch wo ist schon wieder der Kopförer? Der war doch beim letzten Mal noch hier in der Kameratasche...


Bei Livestreams wird man im Audio-Bereich mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie bei Videoproduktionen – mit dem Unterschied aber, dass im Livebereich der Ton um ein x-faches komplexer ist. Hier ein paar klassische Audio-Fallstricke beim livestreamen:


  • Schlechter, leiser oder halliger Ton: Das Bild ist gut, die Bildschnitte zwischen den zwei, drei Kameras sehen super aus, aber der Ton klingt extrem undeutlich. Er ist viel zu leise im Vergleich zum musikunterlegten Intro; man hört starkes Hintergrundrauschen, und der Speaker hat einen Hall-Effekt. Mögliche Ursachen: Ganz offensichtlich wurde bei diesem Stream das Hauptaugenmerk auf das Bild gelegt. Beim Ton hat man gespart und sich auf die eingebauten Stereo-Mikrofone der Kameras oder Smartphones verlassen.

  • Asynchroner Ton: Auch hier sieht das Bild gut aus, doch irgendetwas stimmt nicht mit den Lippenbewegungen der Speaker. Bild und Ton sind offensichtlich nicht synchron. Mögliche Ursache: Bild und Ton werden auf separaten Wegen in den Bildmischer geleitet. Zum Beispiel: Die Video-Signale gehen via HDMI in einen Bildmischer und von dort aus via USB-C in einen Laptop, während der Ton in ein Audio-Interface geht, das via USB-C an denselben Laptop angeschlossen ist. Zur Erklärung: Ein HDMI-Signal hat immer eine Verzögerung im Millisekundenbereich - und je mehr Geräte (wie z.B. HDMI to SDI Adapter) dazwischengeschaltet werden, desto mehr Verzögerung gibt es.

  • Unterschiedliche Tonpegel bei Gesprächsrunden: Die Gäste wurden gepudert, das Licht sieht schön aus, die Kameraeinstellungen sind schmeichelhaft. Doch Gast A klingt sehr leise, während Gast B fast überzerrt. Mögliche Ursache: Die Crew hat bis kurz vor der Sendung am Bild geschraubt, und hatte dann keine Zeit mehr, die Mikrofone der Gesprächsteilnehmer sauber einzupegeln. Und weil auch noch an einer verantwortlichen Person für Audio gespart wurde, konnte während der Livesendung kaum mehr eingegriffen werden.

  • Konstantes Brummen oder digitale Interferenzen: Störgeräusche (brummen, zirpen, rauschen) kommen in Livesituationen immer wieder vor. Mögliche Ursache: Das Video-Equipment ist zwar vom Feinsten, aber beim Audio wurde gespart. Zum Beispiel: Professionelle Video-Gadgets stehen amateurhaften Mini-Klinken-Steckern aus dem Einkaufszentrum gegenüber, und billigste Adapter ohne Abschirmung müssen Audio-Höchstleistungen erbringen, was sie nicht können. Oder: Laptops oder Tablets werden via HDMI in den Bildmischer eingebunden, und der Strom vom USB-C-Netzgerät schleust digitale Interferenzen in den Bildmischer.

  • Feedback: Bild und Ton der Zoom-Konferenz sind top - bis auf den Moment, als die Gäste via Zoom Fragen stellen können. Es kommt zu Rückkopplungen und endlosen Delay-Effekten. Mögliche Ursache: Die Zoom-Konferenz wurde gehandhabt wie eine normale Zoom-Konferenz, bei der die Software Feedbacks verhindert. Die Kombination von professionellem Livestreaming mit Video-Conferencing Apps wie Zoom ist komplex und muss im Vorfeld sehr gut durchdacht werden.

  • Seltsam klingender Ton bei Gesprächsrunden: Die Diskussion ist auf vollen Touren, doch die einzelnen Personen klingen seltsam synthetisch. Mögliche Ursache: Es wurde beim Ton gespart, und niemand ist vor Ort, um die Gesprächsrunde abzumischen. So nehmen mehrere Ansteck- oder Bügelmics im Raum dieselbe Stimme auf. Wenn all diese Tonspuren dann in einen Stream zusammengepappt und nicht korrekt gemischt werden, kommt es zu unschönen Verdoppelungen.

  • Gar kein Ton: Dies habe ich zwar noch nie erlebt. Und doch liest man ab und zu von Livestreams ganz ohne Ton. Mögliche Ursache: Das Intro des Streams wurde mit einem Charts-Hit musikalisch unterelegt, worauf YouTube die Audiospur aus urheberrechtlichen Gründen komplett deaktiviert hat.

Diese Liste ist nicht abschliessend. Bei einem Livestream lauern noch viele weitere Ton-Probleme. Die meisten davon lassen sich mit guter Planung lösen, sowie mit der Einsicht, dass bei Liveproduktionen auf keinen Fall beim Ton gespart werden sollte.


So können die meisten Audioprobleme aus dem Weg geräumt werden:

Für den Audio-Bereich Profis anstellen

Da Livestreaming quasi ein Massenprodukt geworden ist, sind die Budgets beschränkt. Gewisse Auftraggeber schreiben uns bereits mit einem Budgetrahmen und der Aussage: "Wenn es für diesen Preis nicht machbar ist, machen wir es selber über Zoom." Dies führt dazu, dass gewisse Anbieter Dumpingpreise offerieren, um einen Auftrag zu kriegen. Gespart wird dann beim Personal und vor allem im Audio-Bereich.


Wir verfolgen hier einen anderen Ansatz. Aus der jahrzehntelangen Erfahrung mit Videoproduktionen wissen wir, wie wichtig guter Ton ist. Deshalb überlassen wir diesen Bereich fast immer Profis, oder zumindest dedizierten Personen innerhalb der Crew, die sich nur um diesen einen Job kümmern. Es kann nicht sein, dass die Bildregie gleichzeitig auch noch die Audiopegel fährt. Livecrew arbeitet mit bewährten Profis aus dem Ton-Bereich zusammen. Je komplexer ein Stream ist, desto mehr Budget wird für den Ton einberechnet.


Bild und Ton gemeinsam zum Bildmischer schicken

Asynchroner Ton ist sehr ärgerlich. Weshalb wir die (vom Profi) gemischte Audiosumme in der Regel mit einem professionellen XLR-Kabel zu unserer Hauptkamera schicken. Dort kommen Ton und Bild zusammen und werden dann synchron via SDI, NDI oder HDMI zur Bildregie geschickt. Natürlich kann asynchroner Ton auch im Audiomischer oder Bildmischer ausgeglichen werden - oder dann mit professioneller Hardware, welche nur diesen einen Job macht.


An gute Mikrofone denken

Wenn wir einen Livestream planen, machen wir in den meisten Fällen im Vorfeld eine Reko der Location. Je nach akustischen Verhältnissen entscheiden wir uns dann auch zum Vorgehen in Sachen Audio: Wie mikrofonieren wir? Lavaliermics, Bügelmics, Handmics, Richtmics? Auf keinen Fall aber wählen wir Mikrofone, die in den Kameras eingebaut sind.



Testdurchlauf inklusive Audio

Wenn ein Livestream bereits am Vormittag beginnt, bauen wir die Infrastruktur in der Regel am Vortag auf. Schon sehr früh gibt es dann einen ersten Probedurchlauf, in dem Bild und Ton gleichberechtigt getestet werden. Auf keinen Fall dürfen die Speaker und Gäste erst wenige Minuten vor der Sendung erscheinen, denn wir müssen die Möglichkeit haben, sie früh genug zu mikrofonieren und diesen Ton auch zu testen. Zudem hilft ein frühzeitiger Testdurchlauf, mögliche Audio-Probleme (laute Klimaanlagen, Interferenzen, etc.) zu beheben.


Feedbacks ausschliessen

Ich bin immer zuversichtlich, wenn ich weiss, dass wir alle Audioquellen zentral unter Kontrolle haben. Sobald aber externe Quellen (z.B. von Zoom oder Teams) dazukommen, die von einer Software geregelt werden, muss ich mir die Signalwege sehr genau überlegen. Gerade bei Q&A-Sessions via Zoom können sehr schnell Rückkopplungen auftreten.

In solchen Fällen kommt man nicht darum herum, das Szenario im Voraus ausgiebig zu testen, Signalwege in einem Diagramm aufzuzeichnen, und vor allem: Einen Audio-Profi anzustellen, der im Veranstaltungsraum sofort Feedbacks abklemmen kann.

Zudem hilft es, wenn eine erfahrene Person den Zoom-Host-Computer bedient und externe Gäste stummschaltet, solange sie nicht sprechen müssen.


Fazit

Audio is King! Wer mit dieser Überzeugung die Planung eines Livestreams angeht, macht schon viel richtig. Wer sich dann auch noch eingesteht, dass man zwar vieles kann, aber nicht alles, und deshalb zusätzliche Profis für den Ton an Land zieht, der wird ziemlich sicher erfolgreich sein.


 

Diese Mini-Blog-Serie basiert auf dem Livestreaming-Workshop, den Ben Leoni von Livecrew.ch regelmässig an der Schweizer Filmschule Studio 1 unterrichtet. In diesen dreitägigen Workshops werden sehr praxisnah die Grundlagen fürs Livestreaming vermittelt sowie mehrere Streams geplant und durchgeführt. Mehr Informationen zum Kursangebot auf www.studioeins.ch




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